Das Gleichgewicht halten

Was Jinjee Talifero gestern in ihrem Newsletter schrieb, finde ich so gut, dass ich es euch
einfach mal übersetzt weitergeben möchte:

„Du kannst etwas Schlechtes essen, dich selbst fertigmachen und dich dann mit noch etwas mehr schlechtem Essen trösten. Oder du kannst etwas Schlechtes essen und dir dann etwas Gutes tun, um es auszugleichen, wie z. B. ein Glas Wasser trinken und 20 Minuten trainieren. Als Menschen können wir nicht die ganze Zeit perfekt sein. Aber wenn du am Ende des Tages dir selbst mehr Gutes getan als Schaden zugefügt hast, kannst du im Gleichgewicht bleiben und weiter in die Richtung gehen, in die du willst!“

Essen an einem Sonntag mit Tagesausflug nach Santa Cruz

Kalorien, natürliches Essen und andere Fragen

In letzter Zeit sind zu dem, was ich hier so über unser Essen schreibe, verschiedene Fragen & Kommentare angekommen. Zu denen ich heute gern mal was schreiben möchte.

Zum einen ist da die immer wiederkehrende Frage nach dem ausreichenden Kaloriengehalt bzw Nährwert unseres Essens. Hier im Blog verzichte ich absichtlich auf Angaben zu unseren Essensmengen – zu unterschiedlich ist der individuelle Bedarf um satt zu werden! Abhängig von Körpergröße, Lebensumständen, körperlicher Aktivität, besonderen Lebensphasen wie Wachstum, Stillzeit etc und weiteren Faktoren. Ihr könnt euch sicher sein, dass wir immer genug essen um satt zu werden 🙂

Jedoch messe, wiege, analysiere und berechne ich unser Essen nicht. Weder im Hinblick auf die Kalorien noch auf den Gehalt an Vitalstoffen oder sonst irgendwas. Wir essen nach Appetit und Hunger und ich bin absolut sicher, dass wir damit genug & alles, was unsere Körper brauchen, bekommen!

Mehr zu diesem Thema findet ihr auch in folgenden Artikeln:

Kalorienbedarf 27 Bananen?
Figur, Gewicht, Bedarf
Ein anderes Ernährungsparadigma

Falls beim Leben in unserer relativ unnatürlichen Umgebung mal Fragen zur Richtigkeit auftauchen sollten, verweise ich auf die Natur – „Wie wäre das jetzt, wenn wir wahrhaft natürlich leben würden?“. Über die Grundlagen dieser Betrachtungsweise (& damit dem Einstieg in unsere Art der Ernährung) schreibt meine liebe Affenfreundin übrigens seit einiger Zeit einen sehr unterhaltsamen Blog: Mein Affenexperiment. Vor einigen Tagen zum Beispiel die einfache & einleuchtende Erklärung, warum wir Menschen keine Fleischfresser sind.

Weshalb ich auch glaube, dass diejenigen, die beharrlich auf ihren Instinkt verweisen, der sie dazu treibe, Tierleichen zu essen, in Wirklichkeit nicht ihrem Instinkt folgen, sondern entweder ihrer Konditionierung (man könnte auch sagen: Sucht) aus früheren Jahren folgen – denn wir von uns ist schon von Kindheit an vegetarisch/vegan? – oder auf die Verführung/Gehirnwäsche durch die Welt um uns herum hereinfallen. Anschaulich formuliert in diesem Zitat (dessen Quelle mir leider verloren gegangen ist):

„Gib einem Kind eine Möhre und ein Kaninchen. Wenn es der Möhre spielt und das Kaninchen isst, schenke ich dir einen RollsRoyce.“

Womit ich bei einer weiteren Frage angekommen bin: die Natürlichkeit unserer Ernährung. Obwohl wir uns definitiv roh ernähren, ist das, was ihr auf den Fotos hier im Blog oft seht, häufig nicht mehr wirklich Nahrung in ihrer natürlichen Form. Warum mache ich das? Wo ich doch, wie ich es immer wieder betone, die Nahrungsmittel in ihrer natürlichen Form am liebsten mag? Das ist wirklich so – ich habe am liebsten einfach eine Frucht & Grünzeug in der Hand und beisse hinein. Wofür dann der Aufwand – denn: ja, es ist wirklich Aufwand. Mixen, Schneiden, Dekorieren oder gar Zubereitungen zur rohen Imitation von bekannten Kochkost-Gerichten brauchen mindestens genauso viel Zeit wie Kochen (doch zumindestens ist das Ergebnis weitaus besser 🙂 & fühlt sich vor allem viel besser an im Bauch!)

Wer Rohkost mit Kind(ern) in unserer Welt lebt, weiss warum: meine Tochter liebt die Rohkost, die Früchte, Essen direkt aus der Natur, Wildkräuter, Algen … und sie isst voller Genuss aus dem Angebot dessen, was die Natur für uns bereithält. Ich sorge dafür, dass dieses Angebot immer möglichst breit gefächert ist. Ist es mal nicht so groß, dann hilft das Zubereiten, ihr Bedürfnis nach Abwechslung zu erfüllen. Denn: wir leben nun mal nicht im tropischen Urwald oder auf einer weit abgelegenen Finca, sondern mitten in einer … nennen wir sie mal „zivilisierten“ Umgebung. Umgeben von Kochköstlern, Lebensmittelgeschäften, Werbung … wohin wir schauen, sehen wir, was der Rest der Welt für essbar hält. Kinder, zumindestens meine Tochter, sind neugierig. Sie findet rosa überzogene Muffins auf M*acDonalds-Plakaten schön und all die bunten Süßigkeiten im Supermarktregal, in HelloK*itty-Verpackungen und ähnlichem. Wenn der große Bruder sich Chips kauft oder die anderen Kinder nach der Ballettstunde Kekse teilen, will sie wissen, wie das wohl schmeckt. Sie ist stark genug, „anders“ zu sein – aber es fällt ihr leichter & macht ihr vor allem viel mehr Spaß, wenn auch ihr Essen mal so bunt & schillernd aussieht. Die Freude am wahrhaft natürlichen Essen verliert sie dabei übrigens ganz und gar nicht … unvergleichlich auch für sie der Genuss einer frisch gepflückten Orange oder der momentan köstlichen Platterbsenblätter, von denen sie gar nicht genug bekommen kann!

So bleibt unser Speiseplan weiterhin abwechslungsreich und den individuellen Vorlieben & Bedürfnissen entsprechend gemischt.

Überessen

Deborah Kesten, Ernährungsforscherin, beschäftigt sich in einem Ihrer Vorträge mit dem Thema „Überessen“ … durchaus auch für RohköstlerInnen manchmal ein Thema.

Sechs Arten des Überessens

  1. Fast-Food – eine Ernährung, die überwiegend aus Junk Food, verarbeiteter Nahrung, Fast Food besteht.
  2. Emotionales Essen – Essen aus Stress, Ärger, Angst, Langeweile, Einsamkeit.
  3. Kreisen ums Essen – ständiges Grübeln über die beste Art zu Essen, sich selbst und andere nach ihrer Ernährung beurteilen, besessen sein davon, was du isst.
  4. Nebenbei Essen – Essen beim Autofahren oder zu Fuß unterwegs, beim Fernsehen, Internet Surfen oder bei der Arbeit
  5. Unappetitliche Atmosphäre – Essen in lauter, unattraktiver, ästhetisch und/oder psychologisch unerfreulicher Atmosphäre
  6. Allein Essen – öfter allein als in Gesellschaft essen

Diese Arten des Überessens können die Art beeinflussen, wie du Nahrung verarbeitest und können zu Gewichtszunahme beitragen. Viele Rohköstler kreisen um ihre Nahrung, grübeln ständig darüber, aber es ist sehr gut möglich, ohne diese Fixierung roh zu essen, sobald du dich erstmal in diesem Lebensstil eingelebt hast.

Was kannst du gegen Überessen tun? Hier ist ein Tipp: Frage dich selbst: Was willst du wirklich wirklich essen? Wenn du nicht wirklich wirklich etwas bestimmtes essen willst, frage dich: Was willst du wirklich?

Quelle: ‪Deborah Kesten‬, EmpowHER

Meiner Erfahrung nach auch sehr hilfreich: Wildkräuter, Bewegung, Sonne, frische Luft!

Wildkräuter helfen uns durch ihren hohen Vitalstoffgehalt, wirklich satt zu werden – denn manchmal ist das Verlangen nach Essen, obwohl der Bauch voll ist, dadurch begründet, dass der Körper nach Vitaminen und Mineralstoffen verlangt, die er noch nicht bekommen hat. Obwohl Rohkost im Vergleich zu verarbeiteter Nahrung schon reich an Vitalstoffen ist, enthalten Früchte, insbesondere kultivierte, nicht alles, was wir brauchen!

Beim Essen als Ersatz für die Befriedigung anderer Bedürfnisse, ob nun körperlicher, emotionaler oder welcher Art auch immer, die sich momentan gerade nicht erfüllen lassen, hilft es zumindest gegen das Überessen, statt dessen Sport zu treiben, rauszugehen in die Sonne, sich zu bewegen!

Überlebensfähig

Ein toller Nebeneffekt der Urkost ist das Wissen über die Natur, insbesondere über Essbares aus der Natur, das sich so ganz nebenbei dabei ansammelt. Sogar bei denen in unserem nahen Umfeld, die nur uns beobachten, ohne die Urkost selbst zu leben: selbst mein Fastfood-liebender Sohn kennt so einiges an wildem Grünzeug, worauf er im Notfall zurückgreifen könnte. Die Tochter sowieso: auf unserem heutigen Spaziergang hat sie sich außer mit wilden Orangen (die sie mangels anderem Werkzeug mit den Zähnen geöffnet & dann aus der Schale gegessen hat) vor allem mit Unmengen von köstlichen Platterbsen-Blüten gestärkt. Die wachsen auch in Deutschland – sucht mal danach! Sie schmecken sahnig-süß, optimal für „Anfänger“ und Kinder.

Schön und lecker: Die Platterbse. Blüten und Blätter sind essbar!



Für die, die (noch) nicht so viele Wildpflanzen kennen, ist ein kleines Bestimmungsbuch in der Tasche praktisch – zum Beispiel dieses hier: Wildkräuter & Wildfrüchte bestimmen leicht gemacht. Die wichtigsten 125 Pflanzenarten. Oder, für die, die eher an ihr Mobile als an irgendwelche Bücher denken, bevor sie das Haus verlassen: eine entsprechende App fürs Smartphone. Ich habe mir mal ein paar davon angesehen (alle für’s iPhone):

  • „Wild Edibles Lite“, Steve Brill, gratis

    Sehr ausführlich & gut sortiert! Jede Pflanze ist ausführlich beschrieben: Foto, allgemeine Info, Verbreitung, Saison, Verwechslungsmöglichkeiten mit giftigen Pflanzen, Erkennungsmerkmale, Verwendung, Nährwerte, Rezepte (vegan!), medizinische Verwendung. Leider listet er nur Pflanzen, die in Nordamerika wachsen. Aber da die meisten davon weltweit innerhalb der gemäßigten Klimazone zu finden sein dürften, ist das ja nicht so schlimm. Die kostenlose App enthält neben einem Glossar und mehreren Seiten allgemeiner Informationen nur 20 essbare Pflanzen; in der Vollversion sind 165 Pflanzen enthalten. Letztere ist für stolze EUR 5,99 erhältlich – ein Preis, der sich in Anbetracht des Informationsgehaltes aber durchaus lohnen dürfte! Ich kenne keine andere Informationsquelle zu diesem Thema mit einer so optimal gebündelten Darstellung! Möglicherweise ist Steve Brill’s Buch Identifying and Harvesting Edible and Medicinal Plants (And Not So Wild Places) genauso gut – kennt jemand das zufällig? Allerdings ist es deutlich teurer & auch nicht ganz so handlich 😉

  • „Wild Plants Survival Guide“, US Army, EUR 1,59

    Obwohl ich sonst wahrhaftig kein Fan der US Army (oder irgendeiner anderen Armee) bin, hat mich diese App ebenfalls überzeugt. Nach einer Einleitung mit wiederholten Warnhinweisen bezüglich potentiell giftiger Pflanzen, einer Einführung in die Bestimmungsmerkmale von Pflanzen sowie einer ausführlichen Testanleitung für unbekannte Pflanzen werden insgesamt ca 110 essbare und 17 giftige Wildpflanzen aus den gemäßigten, tropischen und Wüstenzonen unserer Erde vorgestellt. Kartografisch ist jeweils nur das Vorkommen in den USA dargestellt, im Text werden aber auch weitere Verbreitungsräume genannt. Zu jeder Pflanze gibt es Fotos, eine Beschreibung der Merkmale, Vorkommen/Verbreitung, der essbaren Teile und evtl. Warnhinweisen. Rezepte gibt es hier natürlich nicht, aber dafür noch zusätzliche Vorschläge zur Nutzung der Pflanzen(teile) – z. B. die Nadeln an der Agave zum Nähen, Brennesselstiele zur Herstellung von Bändern usw. – ein Überlebenshandbuch eben. Insgesamt also ein über das Kennenlernen von Wildpflanzen hinaus hilfreiches Nachschlagewerk für Outdoor-Fans – zu einem sehr günstigen Preis.

  • „Wild Edibles“, Sergej Boutenko, EUR 2,39

    Um es kurz zu machen: eine Enttäuschung. Die App enthält eine Liste von 73 essbaren sowie 10 giftigen Wildpflanzen, jeweils nur Bild und Namen. Keine Beschreibung des Aussehens, Erkennungsmerkmale, des Vorkommens oder sonst etwas. Ansonsten außer den üblichen Warnhinweisen zum Verzehr von unbekannten Pflanzen nur noch allgemeine Hinweise auf Bücher, Experten und das Internet für weitere Informationen.

Wie ihr den Titeln wohl schon entnommen habt: alle Apps zum Thema sind ausschliesslich in englischer Sprache verfügbar. Etwas entsprechendes in deutsch konnte ich bisher nicht finden.