Entgiftung

Noch so ein häufig diskutiertes Thema bei RohköstlerInnen: Entgiftung. Besonders in der Anfangszeit, bei der Umstellung auf Rohkost, entgiftet der Körper deutlich. Je nach vorherigem Lebenswandel mehr oder weniger stark. Auf welche Art der Körper entgiftet, das ist individuell verschieden. Sehr häufig sind Schnupfen oder grippeartige Symptome, meist entsorgt der Körper große Mengen an Schleim. Oft kommt es auch zu Gewichtsverlust, selbst wenn vorher kein Übergewicht vorhanden war. Auch dies ist ein Weg zu entgiften: nicht optimal aufgebaute Körpermasse abbauen. Mein Körper hat in den ersten 3 Monaten mit Rohkost 10kg Gewicht abgebaut. Sobald ich einige Zeit später verstärkt Wildkräuter in meine Ernährung aufgenommen habe, bekam ich erst eitrige Entzündungen an den Fingern, dann wunde Brustwarzen, anschließend eine mehrere Wochen dauernde Nebenhöhlenentzündung mit starker Schleimbildung. Als Kind habe ich sehr häufig unter Mittelohr- und Mandelentzündungen gelitten – bis man mir schließlich die Mandeln entfernt hat. Möglicherweise stand die auf diesen Teil meines Körpers konzentrierte Reinigung damit im Zusammenhang. Oder vielleicht mit den Zähnen, an denen leider auch schon von Kindheit an viel behandelt wurde? Ich weiss es nicht, aber ich bin mir sicher, dass mein Körper immer die besten ihm zur Verfügung stehenden Wege nutzt, um Giftstoffe abzubauen & sich zu heilen.

Wie die meisten von uns habe ich die Rohkost erst relativ spät entdeckt & so ist es nicht weiter verwunderlich, dass mein Körper, der viele Jahre lang nicht gerade optimal ernährt wurde, nun auch seine Zeit braucht, um all die eingelagerten Gifte & Schlacken wieder loszuwerden. Ich kenne Rohköstler, die noch nach 20 Jahren die Reinigung von uralten Rückständen, z. B. extrem künstlicher Lebensmittel wie Gummibärchen, Kaugummi u. ä. feststellen. Solche Entgiftungen sind ihrer Beschreibung nach manchmal durch urplötzlich auftretenden Appetit auf das früher einmal Gegessene gekennzeichnet. Gibt man diesem Appetit nicht nach, befreit sich der Körper in der Folge von den noch vorhandenen Resten.

Die vielgepriesenen Wildkräuter sind nicht nur unentbehrlich für die Sättigung & die Versorgung mit allen Vitalstoffen, sie unterstützen auch die Entgiftung. Besonders auffällig ist das im Frühjahr, wenn wir nach einer mehr oder weniger langen Winterzeit wieder verstärkt Wildkräuter in unsere Ernährung aufnehmen … und damit nicht selten einen Reinigungsprozess unseres Körpers in Gang setzen. Diese „Erstreaktion“ ist somit nicht etwa ein Zeichen für eine Unverträglichkeit … also nicht erschrecken, sondern weiterhin täglich Wildkräuter essen, am besten zu jeder Mahlzeit!

Ein paar Sorten erkennt mit Sicherheit jedeR von euch: Löwenzahn, Gänseblümchen, Brennesseln, Giersch, Klee, Sauerampfer, … & so nach & nach erweitert sich das Spektrum von ganz alleine. Auch die zunächst noch ungewohnten Geschmäcker werdet ihr bald schätzen lernen. Bei Kindern & Anfängern meist beliebt sind Sauerampfer, Sauerklee, Vogelmiere, Lindenblätter, Melde, Platterbse … die schmecken alle recht mild. Auch der Geschmack von Brennesseln ist sehr angenehm; es erfordert nur ein wenig Übung sie zu pflücken & zu essen, ohne sich daran zu verbrennen. Für den Anfang können sie aber gut im Smoothie verwendet werden. Wie natürlich auch alle anderen Wildkräuter.

Algen

Von den einen als Superfood gepriesen, von anderen abgelehnt, weil nicht zur ursprünglichen Nahrung des Menschen gehörend: wie zu so vielem gibt es auch zu Algen viele verschiedene Meinungen in der Rohkost-Welt. Meine Meinung dazu ist, klar: ganz nach Bedarf, nach Gefühl. Probier es aus, wenn du willst; höre auf deinen Körper. Ein notwendiger Bestandteil für eine ausreichende Ernährung sind Algen sicher nicht. Sie enthalten aber jede Menge wertvoller Inhaltsstoffe: die Vitamine A, B1, B2, B3, B6, B12, C, E, G, K und S, mindestens 28 Mineralien, insbesondere auch große Mengen an Jod (wichtig für die Drüsen). Omega-3-Fettsäuren ebenfalls. Algen stimulieren den Stoffwechsel, helfen beim Abbau von Ablagerungen, reinigen und stärken den gesamten Körper und verbessern somit u. a. auch das Erscheinungsbild der Haut. Aus dieser Sicht also durchaus eine wertvolle Ergänzung unserer Ernährung!

Ich persönlich mag Algen auf jeden Fall sehr gerne; auch meine Tochter liebt sie. Am liebsten ganz frisch – zum Beispiel den Blasentang, den wir weiter im Norden Europas so gern geerntet haben.

Fucus-Algen (Blasentang) an der Küste der Isle of Wight, bei Ebbe.



Zur Zeit leben wir wieder recht nah am Meer – dem Atlantik nun, in dem immerhin Wakame-, Dulse und weitere Algen wachsen sollen. Mal schauen, ob wir hier irgendwo welche finden werden!

Wie, in welcher Form, lassen sich denn Algen nun eigentlich genießen? Wie bei allem, was wir so essen: frisch sind sie sicher am besten, sowohl was den Geschmack als auch den Nähr- & Vitalstoffgehalt betrifft! Glücklich, wer küstennah wohnt & gelegentlich einfach mal welche sammeln kann! Für alle anderen gibt es ab und zu, saisonal bedingt, auch frische, rohe Algen zu kaufen. Zum Beispiel bei Orkos oder bei Veggie’s Delight. Einfacher & das ganze Jahr über erhältlich sind getrocknete Algen. Die gibt es, in Rohkostqualität, beispielsweise im Wurzel-Shop. Auch in Bio- und in Asia-Läden wird ein großes Sortiment an getrockneten Algen angeboten, die allerdings meist bei hohen Temperaturen getrocknet wurden und somit leider kaum noch Leben enthalten. Natürlich könnt ihr auch frische Algen selber trocknen – einfach an der Luft liegen lassen.

Getrocknete Algen können zwar auch trocken gegessen werden, allerdings sind sie dann sehr salzig – und sehr trocken 😉 . Ich mahle sie so übrigens gern zu Pulver, das meine Tochter dann wie Salz verwendet oder mit Wasser zusammen zu einer Suppe anrührt – roh-vegane Tütensuppe sozusagen :).
Für den Verzehr im Ganzen besser ist es, sie, wie Trockenfrüchte, vorher einige Stunden lang einzuweichen. Anschliessend schmecken sie lecker zu Avocado, Wurzeln, Nüssen/Kernen und gekeimten Hülsenfrüchten. Auch die Kombination mit Süßem, z. B. mit Sonnenblumenkernen & Rosinen oder mit Süßkartoffeln & Datteln, ist sehr reizvoll. Spaghetti-Algen, die eine Form wie schmale Bandnudeln haben, bieten sich als rohes „Nudelgericht“ an. Wakame, Dulse oder Meeressalat lassen sich, pur oder gemischt mit Blattsalaten, als Salate anrichten. Sogar das vermutlich bekannteste Algen-Gericht, Sushi, lässt sich als roh-vegane Version herstellen: rohe, zu Sushi-Blättern gepresste Nori-Algen gibt es neuerdings bei lifefood; das passende Rezept dazu findet ihr hier.

Pasta Marinara: Algen zu "Pasta" aus geraspeltem Sellerie mit Tomatensauce.



Auf den Verpackungen der Algen im Handel finden sich häufig Warnhinweise zum hohen Jodgehalt, die einen mengenmäßig beschränkten Verzehr empfehlen. Wie ihr das handhaben wollt, müsst ihr natürlich selbst entscheiden. Vielleicht helfen euch die folgenden Überlegungen dabei: In Japan essen die Menschen traditionell schon immer große Mengen an Algen, ohne sich durch übermäßig viel Jod irgendwie zu schaden. Meiner Beobachtung nach ist es auch hier wieder eine gute Idee, auf den Körper und seine Reaktionen zu achten. Ein natürlich ernährter Körper signalisiert seinen Bedarf recht zuverlässig durch den Appetit. Meine Tochter hat seit dem Alter von noch nicht mal 2 Jahren Algen gegessen, soviel sie wollte. Nach längerer „Abstinenz“ futtert sie oft große Mengen auf einmal; bekommt sie mehrere Tage in Folge Algen, lässt ihr Appetit darauf nach einiger Zeit nach. Ich selbst esse seit mehreren Jahren Algen, oft & manchmal in großen Mengen, & sie bekommen mir ausgezeichnet!

Optimal: regional & bio

Nach und nach haben wir inzwischen Quellen für unsere Nahrung gefunden – für unbehandelte frische Früchte & Gemüse aus regionalem Anbau, Mandeln, Sonnenblumenkerne, Datteln. Kokosnüsse. Nüsse und einige wenige Trockenfrüchte in Rohkostqualität haben wir auch entdeckt. Wir kaufen auf Bauernmärkten und am Biostand im Mercado Municipal in Puerto de la Cruz. Letzterer bietet außer (zertifiziertem) Bio-Obst & -Gemüse, sowohl lokalem als auch importiertem, auch einige Öle, Trockenfrüchte, Datteln, Mandeln & Nüsse.

Auch Wildkräuter wachsen hier überall reichlich. Wer den Blog in den letzten Wochen verfolgt hat, weiss schon einiges darüber. Momentan haben wir in der Nähe unseres Domizils Malve und Brennessel, unterwegs finde ich meist noch Kapuzinerkresse, wilden Fenchel, Vogelmiere … Löwenzahn, den, den ich aus Deutschland kenne, hab ich bisher nur einmal gesehen, und Giersch noch gar nicht.

Importierte Früchte sind hier übrigens ziemlich teuer. Auch das ein Grund, das regionale Angebot zu nutzen. Dafür gibt es aber noch weitere gute Gründe:

  • Höherer Vitalstoffgehalt – der lässt nämlich nach der Ernte kontinuierlich nach; je länger die Transportzeiten, desto geringer die Menge der verbleibenden Vitalstoffe.
  • Regional wachsende Pflanzen, insbesondere Wildpflanzen, sind optimal an die Region angepasst & können damit unserem Körper das geben, was er in seiner aktuellen Umgebung besonders braucht.
  • Geringere Mitwelt-Belastung durch kürzere Transportwege

Eine überwiegend regionale roh-vegane Ernährung ist in vielen Gegenden dieser Welt klimabedingt gar nicht oder nur zeitweise möglich. Z. B. in Deutschland. In dem Fall halte ich es für wichtiger, eine gute Versorgung sicherzustellen und dafür auf importierte Früchte zurückzugreifen. Wir können der Welt, in der wir leben, nur gut tun, wenn es uns selbst gut geht. Zu hungern oder Nährstoffmängel zu riskieren, hilft niemandem weiter. Wir sind entwicklungsgeschichtlich nun mal auf Früchte, besonders auf tropische Früchte, „geeicht“ – besser sie als Importware zu essen als gar nicht!

Was die Belastung der Mitwelt durch Transporte usw betrifft, so ist es tatsächlich so, dass der weitaus größte Energiebedarf nicht für den Transport der Früchte anfällt, sondern für deren Erzeugung und Lagerung. Eine Studie hat vor einigen Jahren sogar gezeigt, dass es unter ökologischem Gesichtspunkt besser ist, im Frühling in Nordamerika aus Neuseeland importierte Äpfel zu essen als die lokalen, die über den Winter in gigantischen Kühlhäusern gelagert werden. Ich nehme an, dass sich das in Deutschland ähnlich verhält!

Zusammenfassend: Frische Früchte und Gemüse sind gesünder als alles andere, was wir essen könnten. Egal, ob lokal oder importiert, und egal ob bio oder nicht. Eine Banane aus konventionellem Anbau ist immer noch weitaus besser als Bio-Käse. Und frische Orangen tun mir trotz konventioneller Anbaumethoden besser als Bio-Trockenfrüchte. Optimal ist sicher eine Ernährung aus lokaler, saisonaler, unbehandelter frischer pflanzlicher Nahrung. Ebenso wichtig ist aber eine möglichst große Auswahl unterschiedlicher Früchte & Gemüse, ggfs inklusive importierter Ware, zur Deckung des Vitalstoffbedarfs. Ich versuche, mich so weit wie möglich von regionalen, saisonalen und unbehandelten Früchten, Gemüsen & natürlich Wildkräutern zu ernähren, greife aber, wenn das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, auf gute, saisonale & möglichst sonnengereifte Importware zurück. Und auch wenn ich es aus gutem Grund vermeide, pestizidbelastete Trauben, Beeren, Kirschen und ähnliches zu kaufen: lieber esse ich mal (geschälte) Früchte aus konventionellem Anbau als mich überwiegend von Nüssen und Trockenfrüchten in Bioqualität zu ernähren.

Ausgehen

Ja, die Rohkost beeinflusst auch unser soziales Leben. Aber nein, sie macht uns nicht zwangsläufig zu Aussenseitern. Selbst wenn es dir auf den ersten Blick so scheint: auch als RohköstlerIn kannst du zum Essen ausgehen & am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Der Frutarier Michael verrät in seinem Blog den Trick, wie du sogar mit Freunden, Bekannten, Kollegen zusammen essen kannst, ohne komplizierte Absprachen mit der Restaurantküche und ohne ständig Fragen deiner BegleiterInnen zu deiner Ernährung beantworten zu müssen. Das Geheimnis liegt in der Auswahl eines Restaurants mit einem großen guten(!) Salatbuffet, am besten „All-you-can-eat“. Du lädst dir deinen Teller voll mit köstlichen frischen Salaten, Gemüsen, Früchten & isst mit den anderen, ohne die Rohkost-Ernährung irgendwie thematisieren zu müssen. Klingt das nicht wundervoll?

Salatbuffets zur Selbstbedienung mit angemessenem Preis-Leistungsverhältnis, die mich auch qualitativ zufriedenstellen, sind in Deutschland leider noch nicht so verbreitet. Zumindest habe ich in den letzten Jahren im norddeutschen Raum eher wenige gefunden. Eine weitere Möglichkeit sind gute (vorzugsweise vegetarische) Restaurants mit einer großen Salatauswahl, die unkompliziert mit kleinen Änderungswünschen wie dem Weglassen des Dressings oder der gerösteten Nüsse umgehen. In Hamburg bietet sich da z. B. das Tassajara in Eppendorf an. Neuerdings gibt es ja auch noch das vegane Restaurant Leaf, dass ich vielleicht im Sommer ausprobieren werde.

Über Tipps zu weiteren Rohkost-/Veganer-geeigneten Restaurants, sowohl in Deutschland als auch auf Teneriffa, freue ich mich natürlich sehr!