In gemischter Gesellschaft

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Essen dient bekanntlich nicht nur der Ernährung des Körpers sondern hat auch eine soziale Komponente. Gemeinsame Mahlzeiten sind ein wesentlicher Bestandteil gesellschaftlicher Zusammenkünfte. Eine andere Art der Ernährung erfordert so auch neue Herangehensweisen an solche Ereignisse & manchmal einen wohlüberlegten Umgang mit anderen Menschen. Gleich vorweg: wirklich problematisch muss nichts dadurch werden!

Recht einfach lassen sich Lösungen für die praktischen Fragen finden. Die Auswahl geeigneter Restaurants – es gibt inzwischen zahlreiche vegetarische und sogar einige vegane Restaurants, die zum Teil auch eine gute Auswahl an Frischkostgerichten auf der Karte haben – und/oder direkte Nachfragen & Absprachen mit der Küche sorgen häufig dafür, dass wir auch als Rohköstler etwas Essbares serviert bekommen. In asiatischen Restaurants z. B. lohnt sich sogar durchaus die Frage nach frischen Tropenfrüchten. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich vor dem gemeinsamen Festessen zuhause satt zu essen & sich dann im Restaurant an der Gesellschaft der Mitfeiernden zu erfreuen. Selbstmitgebrachtes Essen ist eine weitere Lösung, die zumindest für mitfeiernde Kinder meist akzeptiert wird. Häufig ist das Küchenpersonal sogar gern bereit, die mitgebrachte Mango schön anzurichten!
Bei Essen im privaten Rahmen können die verschiedenen Bedürfnisse z. B. durch ein Buffet abgedeckt werden, für das jedeR etwas mitbringt. Gar nicht so selten werden da die köstlichen Rohkosttortten begeistert von allen aufgegessen – also bringt genug mit, damit ihr auch noch satt werdet! Gastgeber, die von unserer Ernährungsweise wissen, sind für gewöhnlich auch gern bemüht, etwas extra für uns bereitzustellen. Da das meiner Erfahrung nach häufig leider nicht zu befriedigenden Ergebnissen führt, ziehe ich es allerdings vor, für uns zusätzlich noch etwas mitzubringen. Womit wir bei den für viele Menschen etwas schwieriger zu nehmenden Hürden angekommen sind.

Manche RohköstlerInnen aus meinem Bekanntenkreis möchten nicht als „anders essend“ auffallen & ziehen es vor, sich in Gesellschaft anzupassen & dann eben nicht-roh zu essen. Diese Entscheidung muss natürlich jedeR für sich treffen; ich gehe im Folgenden aber von einem offenen Umgang mit unserer Ernährung aus & davon, wie sich das am besten kommunizieren lässt.

Zuerst einmal zu der eben beschriebenen Situation: wir sind zum Essen eingeladen, uns wird etwas angeboten, was wir aber nicht essen möchten. Jemand, der Essen für uns zubereitet hat, fühlt sich durch die Ablehnung dieses Geschenks leicht selbst abgelehnt. Das Essen anzunehmen, um die schenkende Person nicht zu verletzen, ist für mich keine Lösung. Es ist mir dann aber wichtig, deutlich zu machen, dass ich das Geschenk, die Mühe, die Liebe, dennoch schätze! Indem ich in wenigen einfachen Worten erkläre, wie ich mich ernähre & wie gut es mir damit geht. Mich bedanke für das Angebotene & dann das Thema wechsele – jemand, der es genauer wissen will, wird fragen; andere möchten vermutlich nicht ungefragt mit Vorträgen über die Auswirkungen ihrer versus meiner Ernährung überschüttet werden.

Letzteres ist auch in unserem engeren Umfeld bei einer Ernährungsumstellung zu berücksichtigen. Im ersten begeisterten Überschwang mit der Rohkost neigen die meisten von uns dazu, dies anderen mitzuteilen. Sie mitreissen zu wollen. Sehen wir doch an uns selbst & vielen anderen, wie gut diese Ernährung uns tut, dass sie uns zu besserer Gesundheit, mehr Energie & Lebensfreude verhilft. Und vergessen dabei allzuleicht, dass andere, genau wie wir, akzeptiert werden wollen wie sie sind. Ihren eigenen Weg finden müssen & vermutlich genausowenig „missioniert“ werden wollen, wie wir permanent die ständigen Zweifel & Nachfragen („Woher bekommst du dein Eiweiss?“) hören wollen.

Für die Menschen, die mit uns zusammenleben, ist es hilfreich, wenn wir unsere Umstellung ankündigen & dabei ausdrücklich darauf hinweisen, dass dies eine Entscheidung ist, die wir nur für uns getroffen haben & dass wir absolut nicht erwarten, dass alle mitziehen, sondern es selbstverständlich voll akzeptieren, dass sie ebenfalls selbst über ihre Ernährungsweise entscheiden.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es langfristig oft gar nicht so einfach ist, diese Akzeptanz wirklich durchzuhalten. Wenn ich sehe, wie z. B. mein Sohn unter unangenehmen Folgeerscheinungen seiner Ernährung leidet (von denen er vorab weiss!), ist es mir lange Zeit nicht gelungen, den Mund zu halten & ich habe ihn mit spitzen Bemerkungen oder entsprechendem Gesichtsausdruck häufig wissen lassen, wie wenig ich von seinen Entscheidungen halte. Was weder unserer Beziehung noch seinem Interesse an gesünderer Ernährung gut getan hat. Inzwischen zu wissen, dass ich seinen Weg wirklich akzeptiere, hat seine Offenheit und unserer Kommunikation deutlich verbessert. Falls ihr auch Situationen kennt, in denen sich eure Mitmenschen scheinbar schon nur durch euer Anders-Essen, ganz ohne Vorträge oder ähnliches, angegriffen fühlen – schaut mal genau, ob ihr nicht doch auch mit kleinen Stichen oder Naserümpfen Kritik ausdrückt.

Wollen wir aus dringenden gesundheitlichen Gründen zur Rohkost wechseln, können wir natürlich trotzdem um Unterstützung bitten. Beispielsweise darum, dass der andere gewisse Dinge, auf die wir vielleicht noch ungern verzichten, nicht in unserer Anwesenheit isst. Nicht von uns erwartet, dass wir ihm etwas zubereitet. Oder ein wenig auf uns aufpasst & uns ggfs freundlich an unsere Vorsätze erinnert. Wenn unsere Lieben wissen, dass wir sie respektieren wie sie sind, werden sie dazu sicher gern bereit sein.

Dieses Thema beschäftigt offensichtlich viele Rohköstler – wer englisch liest, möchte vielleicht mal schauen, was Victoria Boutenko in ihrem Buch 12 Steps to Raw Foods: How to End Your Dependency on Cooked Food dazu schreibt.

Nachtrag: Dank an Silke Rosenbusch für ihren Hinweis, dass das Buch inzwischen auch auf Deutsch erhältlich ist: Die Vitalrohvolution: 12 Schritte zu lebendiger Nahrung


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